Schriftgeschichte

Allgemeines

Woher kommt nun unsere Schrift und warum haben frühere Generationen andere Schriften verwendet als wir heute?

Im folgenden Lernobjekt erhalten Sie zur ersten Orientierung einen kurzen Überblick über die wichtigsten Etappen der Schriftgeschichte.
Sie können anhand von Beispielen einige Entwicklungsstufen und Ausformungen der Schrift in den letzten Jahrhunderten kennen lernen und anschließend mit Leseübungen beginnen.

Joseph Anton Hess: Zierfrakturschrift, Abbildung aus: Deutsche Bücherei Leipzig, Schreibmeisterblätter. Kurrent, Kanzlei, Fraktur, Leipzig 1968, 30.

Joseph Anton Hess: Zierfrakturschrift, Abbildung aus: Deutsche Bücherei Leipzig, Schreibmeisterblätter. Kurrent, Kanzlei, Fraktur, Leipzig 1968, 30.

Von der karolingischen Minuskel zur...

Nach Antike und Völkerwanderung, die viele schriftliche Sonderentwicklungen verursachte, fand in der karolingischen Zeit (um 800) eine Zusammenführung und Vereinheitlichung der gebräuchlichen Schriften statt.
Die karolingische Minuskel wurde die neue einheitliche Schrift, auf der sowohl die gotische wie auch unsere heutige lateinische Schrift fußt.

Karolingische Minuskel, Codex Egberti aus dem Kloster Reichenau zwischen 984 und 993, Quelle: Wilhelm H. Lange, Schriftfibel. Geschichte der abendländischen Schrift von den Anfängen bis zur Gegenwart, 3. Aufl., Wiesbaden 1951, 39.

Karolingische Minuskel, Codex Egberti aus dem Kloster Reichenau zwischen 984 und 993, Quelle: Wilhelm H. Lange, Schriftfibel. Geschichte der abendländischen Schrift von den Anfängen bis zur Gegenwart, 3. Aufl., Wiesbaden 1951, 39.

...gotischen Schrift

Ein wesentliches Merkmal der karolingischen Minuskel sind ihre Rundungen. Im 12. Jahrhundert erfuhr die Schrift mit dem Übergang zur gotischen Schrift einen bedeutsamen Wandel, nämlich die Brechung der Rundungen.

Beispiel

Gotische Minuskel

Quelle: Egon Boshof, Kurt Düwell und Hans Kloft, Grundlagen des Studiums der Geschichte. Eine Einführung, 4. Auflage, Köln, Weimar u. Wien 1994, 159.

Quelle: Egon Boshof, Kurt Düwell und Hans Kloft, Grundlagen des Studiums der Geschichte. Eine Einführung, 4. Auflage, Köln, Weimar u. Wien 1994, 159.

Die Paläographie teilt die Schrift in Buchschriften, die sich (auch vor dem Buchdruck) durch Regelmäßigkeit und Betonung der Einzelbuchstaben kennzeichnen sowie in Gebrauch- oder Geschäftsschriften (Kursive), die sich durch die Verbindung der einzelnen Buchstaben charakterisieren lassen.
So entwickelte sich neben der gotischen Minuskel als Buchschrift Mitte des 13. Jahrhunderts - auch als Ausdruck zunehmender Schriftlichkeit - die gotische Kursive als Gebrauchs- und Geschäftsschrift.
Zunehmende wirtschaftliche und verwaltungstechnische Bedürfnisse haben die neue gotische Kursive hervorgebracht, die (bei ständiger Weiterentwicklung) als Kanzlei- und Kurrentschrift die Geschäfts- und Individualschrift bis ins 20. Jahrhundert bestimmen sollte.

...lateinischen Schrift

Im 15. Jahrhundert kam es zu einer Gegenbewegung zur gebrochenen gotischen Schrift, denn diese Schrift wurde vor allem von den Humanisten abgelehnt. Im Glaube es handelt sich um eine antike Schrift wurde die runde karolingische Minuskel mit einigen Weiterentwicklungen als Antiqua wiederbelebt. Ebenso wie die gotische Buchschrift entwickelte auch die Antiqua eine Gebrauchsschrift - die humanistische Kursive, auf der unsere heutige lateinische Schreibschrift beruht.

Beispiel

Humanistische Kursive

Humanistische Kursive

Quelle: Wilhelm H. Lange, Schriftfibel. Geschichte der abendländischen Schrift von den Anfängen bis zur Gegenwart, 3. Aufl., Wiesbaden 1951, 54.

Besonders im Buchdruck bestehen von da an bis in das 20. Jahrhundert gotische und lateinische Schriftart nebeneinander, jedoch als Schreibschrift setzte sich im deutschsprachigen Raum die Kurrentschrift durch.

Buchdruck

Der im 15. Jahrhundert aufkommende Buchdruck verdrängte die (handgeschriebene) Buchschrift und Handschriften wurden von da an vornehmlich in Kanzleien, Ämtern und im individuellen Schriftverkehr gepflegt. Aber auch die neu entstandenen Druckschriften orientierten sich an der gebrochenen, gotischen Schrift: Die erste in Deutschland als reine Druckschrift konzipierte Schrift ist die Schwabacher Schrift.

Beispiel

Schwabacher Schrift

Beispiel

Alphabet Fraktur

Kurrentschrift

Basierend auf diesen schriftgeschichtlichen Entwicklungen werden ab dem 16. Jahrhundert drei Schriftformen unterschieden:
Fraktur als Buch/Druckschrift, Kanzlei als Schreibschrift für Ämter und Kanzleien und Kurrent als zweite Schreibschrift für privaten Gebrauch, wobei die Abgrenzungen im alltäglichen Gebrauch fließend waren, was besonders das Studium der Kurrentschrift erschwert.

Beispiel

Gotische Minuskel

Zierfraktur, Fraktur und Kurrent

Zierfraktur, Fraktur und Kurrent; Johann Balthasar Preusse: Vollständige Anleitung zum Schreiben für die Land-Schulen. Braunschweig 1792, aus: Deutsche Bücherei Leipzig, Schreibmeisterblätter. Fraktur, Kanzlei, Kurrent, Leipzig 1968, 29.

Einen Online-Kurs zum Umgang mit Quellen im Archiv bietet die Universität Zürich mit Ad Fontes an. Als wesentliche Bestandteile der Archivarbeit sind Lesen, Transkribieren und Datieren von deutschsprachigen Handschriften des 14. - 19. Jahrhunderts zentrale Lernziele dieses Online-Kurses.

Weitere Entwicklungen

Im Verlauf der letzten Jahrhunderte unterlag die Kurrentschrift jedoch unterschiedlichen modischen Entwicklungen, die sich u.a. an der zeitgenössischen Kunst orientierten.

Beispiel

Barockkursive, Handschrift von Johann Bernhard Fischer von Erlach.

Hier gelangen Sie zur Transliteration dieser Handschrift.

Barockkursive, Handschrift von Johann Bernhard Fischer von Erlach

Quelle: Karl Gladt, Deutsche Schriftfibel. Anleitung zur Lektüre der Kurrentschrift des 17.-20. Jahrhunderts, Graz 1974, Beispiel Nr. 171.

Mit zunehmender Verbreitung der Schreibkenntnisse in der Bevölkerung auch durch die allgemeine Schulpflicht trat eine tendenziellen Vereinheitlichung und Vereinfachungen in das Schriftbild.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfuhr die Kurrentschrift noch einen Normierungsversuch durch den Graphiker Ludwig Sütterlin.

Sütterlin-Schrift

Beispiel

Sütterlin-Schrift

Die letzte Normierung erfuhr die Kurrentschrift zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch den Graphiker Ludwig Sütterlin (1865-1917), dessen Entwurf für eine normierte Handschrift ab 1930 in den meisten deutschsprachigen Ländern im Schulunterricht eingesetzt wurde.

Hier können Sie Schritt für Schritt die Sütterlin-Schrift in einem Online-Kurs des Historischen Instituts der Universität Saarland lernen.

Die Abschaffung der Kurrentschrift

Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung galt die Antiqua oder lateinische Schrift als "nicht-arisch" und war deshalb verpönt. Partei und Staat bemühten sich um die Förderung der "deutschen" Schrift. Der jüdischen Bevölkerung wurden beispielsweise Veröffentlichungen und Druck in Fraktur untersagt, bis es im Jahr 1941 zu einer überraschenden Wendung in der nationalsozialistischen Führung kam.
Die NSDAP entschied, dass die so genannte "deutsche" Schrift gar keine deutsche Schrift sei, sondern mit dem Aufkommen des Buchdrucks von jüdischen Buchdruckern eingeführt wurde. In einem internen von Bormann unterzeichneten Rundschreiben vom 3. Jänner 1941 wurde mit dieser haarsträubenden Begründung die "nicht-arische" lateinische Schrift zur Normschrift im gesamten Schriftwesen und im Unterricht erklärt:

"Die sogenannte gotische Schrift als eine deutsche Schrift anzusehen und zu bezeichnen ist falsch. In Wirklichkeit besteht die sogenannte gotische Schrift aus Schwabacher-Judenlettern. Genauso wie sie sich später in den Besitz der Zeitungen setzten, setzten sich die in Deutschland ansässigen Juden bei der Einführung des Buchdrucks in den Besitz der Buchdruckereien, und dadurch kam es in Deutschland zu der starken Einführung der Schwabacher-Judenlettern."
aus: Karl Gladt, Deutsche Schriftfibel. Anleitung zur Lektüre der Kurrentschrift des 17.-20. Jahrhunderts, Graz 1974, 8.

Nachdem diese Verordnung der Nationalsozialisten nach Kriegsende nicht rückgängig gemacht wurde, konnte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die lateinische Schrift als Schreibschrift im deutsprachigen Raum durchsetzen.