Vorwissenschaftliche Recherche

Allgemeines

Es ist ein alltäglicher Vorgang geworden, egal ob für Lai_innen oder Wissenschafter_innen: Wer auch immer sich auf Informationssuche begibt, eventuell weiterführende, auch wissenschaftliche Literatur sowie historische Quellen zu einem bestimmten Thema eruieren möchte, ruft eine Suchmaschine – zumeist Google – auf und wird unter den erzielten Ergebnissen zumeist einen mehr oder weniger passenden Artikel aus der Online-Enzyklopädie Wikipedia finden.

Diese zur Informationsgewinnung eingesetzte Vorgangsweise ist mittlerweile für einen Großteil der vernetzten Menschheit selbstverständlich geworden, allfällige Einschränkungen – in der Türkei etwa wurde im April 2017 der Zugang zur Wikipedia aus politischen Gründen gesperrt – ausgenommen. Vielleicht ist es sinnvoll, diese Form der Suche als "vorwissenschaftlich" zu bezeichnen, ein Begriff, der analog zu einer im österreichischen Schulsystem verwendeten Bezeichnung gebildet ist: Dort handelt es sich bei der so genannten "vorwissenschaftlichen Arbeit" um eine für die Reifeprüfung nötige schriftliche Arbeit, deren Thema von den Schüler_innen im vorletzten Schuljahr bekannt zu geben ist und die einen Umfang von 60.000 Zeichen nicht überschreiten soll.


Beschränkungen

Als Vorbereitung beziehungsweise Ergänzung zu einer wissenschaftlichen Recherche sollte auf diese genannte Kombination Google-Wikipedia auch nicht verzichtet werden; allerdings ist es wichtig, sich der Beschränkungen dieses Zugangs bewusst zu sein.

Was die Verwendung von Suchmaschinen anbelangt, so ist die Reihenfolge der angezeigten Ergebnisse – das so genannte Ranking – von geheim gehaltenen Algorithmen bestimmt; weiters entgehen manche Bereiche des Internets – das so genannte Deep Web – der Erfassung durch Suchmaschinen, weswegen trotz der manchmal erzielten Fülle an Treffern nicht alle möglichen Ergebnisse angezeigt werden. Und schließlich handelt es sich bei den gefundenen in den meisten Fällen nicht um wissenschaftlich abgesicherte Ergebnisse, eventuell befinden sich darunter sogar bewusste Fälschungen und Lügen.

Die 2001 gegründete Online-Enzyklopädie Wikipedia wiederum wird von Freiwilligen – darunter vielen enthusiastischen Lai_innen, teils auch fachkundigen Expert_innen – getragen und stellt nicht den Anspruch, dass ihre Inhalte wissenschaftlichen Anforderungen genügen müssen: Es gibt darin Einträge (Lemmata, Einzahl Lemma), die den Vergleich mit hochrangigen Fachlexika nicht scheuen müssen, andere Artikel wiederum sind qualitativ miserabel, enthalten schon längst von der Wissenschaft widerlegte Fehler oder bewusste Tatsachenverfälschungen. Speziell für die wissenschaftliche Recherche ist wichtig festzustellen, dass zumindest aus heutiger Perspektive für historisch relevante Wikipedia-Artikel gilt, dass die dort verzeichneten Literaturangaben oft nicht die wichtigsten Werke zum behandelten Thema enthalten. Kurz: Eine Literaturrecherche, die ihre Ergebnisse ausschließlich mit Hilfe der in Wikipediaartikeln vorhandenen Literaturangaben zusammenstellt, ist ungenügend und genügt keinesfalls wissenschaftlichen Ansprüchen!


Google und Suchmaschinen

Die genannten Beschränkungen lassen sich zwar nicht einfach umgehen, man kann Sie aber bewusst machen: Was die Recherche mittels Suchmaschinen anbelangt, so empfiehlt es sich, sich nicht nur auf eine Suchmaschine zu verlassen, sondern auch weitere, nicht so weit verbreitete Suchmaschinen zu verwenden: Warum nicht die ersten 50 oder 100 Ergebnisse einer Google-Suche mit den Ergebnissen einer Recherche mittels Bing – der von Microsoft betriebenen Suchmaschine – vergleichen? Des Weiteren können die Ergebnisse alternativer Suchmaschinen wie startpage.com oder duckduckgo.com herangezogen werden; diese greifen zwar auf die Datenbestände der großen Suchmaschinenbetreiber wie Google oder Bing zu, anonymisieren allerdings die Anfragen: Die Treffer sind daher nicht personalisiert und können von den sonst erzielten Ergebnissen abweichen. Wer sich von herkömmlichen Anbietern noch weiter absetzen möchte, kann auch die Verwendung einer auf gänzlich anderen technischen Voraussetzungen aufbauenden Suchmaschine wie yaci.net erwägen, für die die Installation einer eigenen Software nötig ist.


Regeln für Wikipedia

Für die Bewertung und Analyse von Wikipedia-Einträgen wiederum hat der verstorbene Historiker Peter Haber bereits 2012 vier einfache Regeln aufgestellt:

    • Die Konsultation der zu jedem Artikel vorhandenen Diskussionsseite.
    • Die Konsultation der Versionsgeschichte des Artikels.
    • Die Sichtung der im Artikel vorhandenen Belege und Querverweise.
    • Die Konsultation der unterschiedlichen Sprachversionen des Artikels.

    Auf diesen Regeln aufbauend können folgende Fragen herangezogen werden, um Wikipedia-Inhalte zu analysieren:

    • Wird der Artikel gemäß der wikipediainternen Bewertung als exzellent beziehungsweise lesenswert eingestuft, oder aber gibt es so genannte Mangelhinweise, die zum Beispiel fehlende Belege monieren?
    • Wird das Thema kontrovers diskutiert? Werden unterschiedliche Positionen zum Thema im Eintrag selbst genannt, oder sind diese auf der Diskussions-Seite des Artikels zu finden?
    • Ist der Beitrag belegt, gibt es Literaturangaben und Fußnoten?
    • Wie kohärent ist der Artikel, ist er aus einem "Guss" oder merkt man ihm an, dass er von vielen Autor_innen bearbeitet wurde, die nicht auf Vereinheitlichung achteten?
    • Wie oft wurde der Eintrag gemäß seiner Versionsgeschichte geändert?
    • Kann man mittels Versionsgeschichte die Autor_innen namentlich bestimmen, was geben diese über sich auf Ihrer eventuell angelegten User_innen-Page preis, gibt es "Hauptautor_innen", die am Artikel maßgeblich mitgeschrieben haben? Wurden entscheidende Teile des Artikels von anonymen User_innen erstellt oder geändert, von denen nur die IP-Adresse gespeichert wurde?
    • Gibt es Änderungen, die schnell wieder rückgängig gemacht wurden, gab und gibt es "Edit-Wars"?
    • Wie unterscheiden sich die verschiedenen Sprachversionen des Artikels?