Rhetorische Argumentation

In Ihrem Text werden Sie Ihre Position durch Argumente belegen und Gegenthesen wiederum argumentativ widerlegen müssen. Dabei sollten Sie sachlich vorgehen und an den Forschungsstand anschließen.


Behauptungen belegen

Wenn Sie in Ihrem Text Thesen vertreten, stellen Sie zuerst Behauptungen auf. Für Behauptungen müssen Begründungen angeführt werden und für diese wiederum Belege (bzw. Beispiele). Für starke Argumente ziehen Sie idealerweise mehrere Belege an und gestalten diese präzise, statt schwammige Aussagen zu tätigen. In der Geschichtswissenschaft führt man diese Belege überwiegend mit direkten oder indirekten Zitaten her. Selbst wenn Sie eine empirische Analyse durchführen oder sich im Text mit einer Primärquelle befassen, so müssen Sie dennoch das zugehörige Kontextwissen belegen. 

Im Ratgeber von Booth, et. al (2004), S. 115, wird der Aufbau eines Arguments mit den folgenden Fragen hergeleitet:

1. What do you claim?

2. What reasons support that claim?

3. What evidence supports those reasons?

4. Do you acknowledge this alternative/complication/objection, and how do you respond?

5. What principle (warrant) justifies connecting your reasons to your claim?

 

Je nach Präferenz können Behauptung, Begründung und Beleg oder Beispiel unterschiedlich angeordnet werden. 

Beispiel einer Argumentation

zitiert aus "Friederike Hagemeier, Organisationsformen des Burgtheater-Ensembles 1776-1789 – Kollektive künstlerische Selbstverwaltung?" des Seminars "Die 'Erste Wiener Moderne': Wien im 18. Jahrhundert":

Die Sesshaftwerdung der SchauspielerInnen durch die Arbeit an einem stehenden Haus war ein wichtiger Faktor für die Verbürgerlichung des Schauspielerberufs im 18. Jahrhundert, die einen sozialen Aufstieg der SchauspielerInnen bedeutete. 28 Während Schauspieler zu Anfang des Jahrhunderts noch mit Gauklern und Marktschreiern gleichgesetzt wurden, wurden sie zum Ende des Jahrhunderts als Hofbeamte akzeptiert und es wurde ihnen, auch aufgrund einer am Beginn der Professionalisierung stehenden Ausbildung, ein Künstler-Status zuerkannt. 29 Der soziale Aufstieg der HofschauspielerInnen lässt sich auch an der sogenannten 'Ehrengalerie' des Burgtheaters ablesen. Bei dieser Porträtsammlung handelt es sich um vom kaiserlichen Hofmaler Joseph Hickel angefertigte Bildnisse renommierter SchauspielerInnen. Dies stellt eine Besonderheit dar, da Hickel eigentlich nur Adlige porträ-tierte, und zeigt gleichzeitig die Anerkennung und Ehrung der darstellenden Künstler als "Vor-bildfiguren der Nation". 30

Widerlegungen und Konzessionen

Sie sollten potentielle Gegenargumente bereits in Ihrem Text vorwegnehmen und widerlegen. Ein Überblick des Forschungsstandes kann Ihnen vergangene Argumente und Perspektiven nahebringen. Möglicherweise gibt es innerhalb Ihres Themas auch heute noch Forschungskontroversen. Dann müssen Sie sich positionieren und mit Belegen erläutern, wieso Ihnen die andere Position nicht sinnvoll erscheint. Mündliche Präsentationen sind eine weitere Möglichkeit, um Gegenargumenten zu begegnen. Versuchen Sie Fragen, Diskussionen und andere Anregungen Ihrer Zuhörer_innen in den Text zu integrieren, sie dort argumentativ zu widerlegen und damit den späteren Leser_innen zuvorzukommen. Oder führen Sie Konzessionen an. Erörtern Sie beispielsweise, wieso Gegenargumente valide sein können, aber nicht bedeutsam für die Perspektive Ihrer eigenen Thesen. Oder erklären Sie mit Belegen, wieso Teile anderer Thesen modifiziert werden sollten. 

Beispiel einer Konzession

zitiert aus "Matthias Baltas, Symbolische Kommunikation auf interkultureller Ebene Auf der Suche nach einem Konzept" des Seminars "Rituals – A historiographic Approach to the Concepts":

Abgesehen vom soeben Besprochenen, bleibt Nechaeva schlussendlich in ihren Betrachtungen doch auf einer recht allgemeinen Ebene. Dies ist freilich ihrer grundsätzlichen Zielsetzung geschuldet, der Untersuchung des gesamten Systems der spätantiken, oströmischen Diplomatie. 111 Bezüglich eines Erkenntnisgewinns zur interkulturellen symbolischen Kommunikation ist positiv hervorzuheben, dass Nechaeva darum bemüht ist möglichst oft die Positionen beider Seiten sowie gegenseitige Einflüsse miteinzubeziehen. 

Beispiel einer Widerlegung

zitiert aus "Darstellung von Antisemitismus im Film-Noir: Eine Analyse von 'Crossfire' und 'Open Secret'" des Kurses "Gegen Xenophobie und Antisemitismus: Jewish Film Noir"

Diese Kritik untergräbt zwar keineswegs die anderweitig überwiegend positive Rezeption von 'Crossfire', wie sie hier angeführt wurde. Auch macht dies nicht die Brisanz des Films nichtig. Die Produktion Crossfire wurde wegen seinen kontroversen Themen - Antisemitismus in der eigenen Armee - laut Aussagen des Regisseurs gar fast abgesagt. 10 Dennoch ist gerade der Kritikpunkt Cohens wieder aktuell. So ist ein Kernstück des Films die Rede, mit der der Ermittler den vermeintlich dümmlichen Soldaten überzeugt, gegen den Leutnant zu handeln. Anhand seiner irisch-katholischen Familiengeschichte erörtert der Ermittler prägnant die Banalität von Fremdenhass in einer Rede, die zwar bis heute sicherlich universell für sämtliche Vorurteile gegen Minderheiten verstanden werden kann. Aber genau hier ist der Film auch trügerisch. Am Anfang der Rede heißt es: “He [Montgomery] is just one guy, we don’t get him very often”. Auch wird der Rassismus innerhalb des Militärs relativiert, wenn kurz darauf ein Major hervorhebt, “the army has never been proud of men like Montgomery”. Das unterstreicht die Stilisierung des rassistischen Mörders als isolierten Ausnahmefall sowie Einzeltäter und versperrt jegliche Systemkritik.

Absolute Aussagen vermeiden

Bleiben Sie sachlich, auch wenn Sie andere Standpunkte widerlegen wollen. Wissenschaftssprache sollte eine gewisse Sachlichkeit beibehalten und in keine Polemik verfallen. Zudem sind apodiktische Wahrheits- oder Objektivitätsansprüche der eigenen Thesen zu vermeiden. Sie schließen mit Ihrer Arbeit an einen Forschungsstand an, aber müssen Ihren Text auch für den weiteren wissenschaftlichen Diskurs offen gestalten. Zu behaupten, man würde alleine die Quelle richtig interpretieren, oder niemand sonst habe ein Phänomen objektiv richtig verstanden, schneidet einen weiteren Diskurs ab. Selbstverständlich wollen Sie starke Argumente vertreten, aber Thesen müssen theoretisch falsifizierbar bleiben. Absolute Aussagen sind zudem im Sinne von Verallgemeinerungen Ihrer Thesen zu vermeiden, um einfachen Widerlegungen vorzubeugen. Aussagen wie "Für alle Parteien dieser Zeit konstituierten sich Massenbewegungen" werden schließlich bei der ersten Ausnahme zur Gänze widerlegt.